Montag, 28. November 2011

Mit dem Rätsel teilen die Kunstwerke die Zwieschlächtigkeit des Bestimmten und Unbestimmten. Sie sind Fragezeichen.
Th. W. Adorno

Der Genius muss schon als Kind die Welt mit anderen Gefühlen aufgenommen und daraus das Gewebe der künftigen Blüten anders gesponnen haben. Eine Melodie geht durch alle Absätze des Lebensliedes.
Jean Paul

…eine Empfindung, die der Erwachsene so oft bei Kindern hat: dass sie etwas wissen, was wir nicht wissen oder nicht mehr wissen, irgendein magisches Geheimnis.
Egon Friedell

Genie haben heißt nicht, damit leben zu können.
Bertrand Russell



gewidmet dem Andenken von Buster Keaton



Copyright 2009 by Jochen Ebmeier. Der Text ist seitengleich mit der Buchausgabe (Mainz) 1999

Vorwort zur Netzausgabe 2010.




Das größte Comeback aller Zeiten sollte es werden. Der Meister blieb sich treu bis zum Ende: Es ist es geworden indem es ausfiel.

Als ich meine Monographie Das Phänomen niederschrieb, hätte ich meine Hand ins Feuer legen mögen, dass der Medienauftrieb der Jahre 1993/94 um den Fall, der keiner wurde, niemals je könnte überboten werden. Zum Glück habe ich es nicht getan. Millionen Fans, die ein Jahrzehnt lang Höllenqualen litten, weil zu wenige Menschen auf der Welt ihren Helden bei seinem wahren Rang erkannten, verschlug es die Sprache, als nach Michael Jacksons unerwartetem Tod am 25. Juni 2009 die Woge der Trauer und Klage hoch über sie hinweg schlug. Und diesmal lege ich die Hand ins Feuer: Das gibt es nicht ein zweites Mal.

Er war nicht bloß ein Showstar. Er war ein epochales Weltkulturereignis. Ich hatte völlig Recht, als ich damals dieses Buch schrieb. Und müsste ich es heute nochmal schreiben – nicht ein Wort würde ich ändern.* Ich würde auch das trübe Jahrzehnt, das zwischen der 2. Ausgabe und Michaels Todestag liegt, nicht weiter behandeln. An dem Bild des Künstlers, das ich mir und meinen Lesern gemacht habe, würde es nichts ändern, nicht im Wesentlichen; es könnte es nur verwässern.

Ganz am Schluss meines Lebensberichts habe ich mich dann doch vertan: "The best is still to come!" Das war ein Irrtum, das würde ich heute nicht wieder schreiben. Dass das Gesamtkunstwerk MJ bereits vollendet war, habe ich nicht geahnt.

Und doch gehört das letzte Jahrzehnt irgendwie dazu. Er hat nicht mehr nur auf der Bühne und für die Bühne gelebt. Ich glaube – dass wir uns recht verstehen: ich will gerne glauben , dass Michael Jackson mit seinen drei Kindern endlich sein Privatleben gefunden hatte. Es heißt, dass er jedes Ansinnen für ein Comeback, jeden Vorschlag für eine neue Tournee immer wieder hartnäckig abgewiegelt hätte - so, als fürchte er sich davor. Wieder zu leben wie früher, unersättlich den eigenen Weltrekorden hinterherjagend und mit nichts wirklich zufrieden sein - das konnte ihn kaum verlocken. Aber einfach zur Ruhe setzen kann sich einer, der zum Künstler wurde, um der Melancholie zu entkommen, auch nicht. Da war es ein Wink des Schicksals, dass der Mangel an Barem ihm schließlich keine Wahl ließ. Und natürlich musste es das größte Comeback aller Zeiten werden. Und wäre es geworden, es hat ja schon im Vorfeld wieder alle Rekorde gebrochen.

Doch dann hat ihn die Melancholie eingeholt. Nicht jeder, der an Schlaflosigkeit leidet, ist ein Melancholiker - nur zwei von dreien. Aber jeder Melancholiker ist schlaflos.

Propofol!

Ein stärkeres Zeug gibt es nicht. Trotzdem wird es wohl, das glaube ich fest, ein unvorhersehbarer Unfall gewesen sein. Doch dieses Ende passte so hundertfünfzigprozentig ins Gesamttableau, dass es schwer fällt, an Zufälle zu glauben. Und also wucherten schon am Tag danach die Phantasien des Publikums. Als er lebte, war ich gewiss, dass sich der Mythos Michal Jackson durch nichts mehr überbieten ließe. Er hat mich in diesem Punkt berichtigt.

Vieles im Leben von Michael Joseph Jackson aus Gary, Ind., USA wirkte wie eine kaltschnäuzige Inszenierung. Dieses Mal war das endgültige. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass er das Bild, das ich von ihm gezeichnet habe, so gnadenlos abrunden würde.



Zum Schluss noch ein Wort in eigener Sache: Warum keine neue Buchausgabe? Warum eine Neuveröffentlichung "bloß im Netz" ?

Ich habe dieses Buch für ein großes Publikum geschrieben. Aber mit deutschen Verlegern war ein großes Publikum nicht zu erreichen.

Ohne Verleger gehts.

J. E.


*) Ein Wort habe ich geändert - einen peinlichen stilistischen Schnitzer. Ich kann nur hoffen, dass er nie entdeckt wird. 

Montag, 14. November 2011

Einleitung zur II. Ausgabe, Mainz 1999








Er ist der bekannteste Sterbliche unter der Sonne. Er ist auch der
meistgeschmähte. Noch keiner hat seine Zeitgenossen so zum Reden
gebracht wie Michael Jackson. Dabei ist er kein Machthaber, er ist
nur ein Mann des Showgeschäfts. Wie wurde er so wichtig? Was
macht ihn zum Phänomen?

Michael Jackson ist der Inbegriff der Unterhaltungsindustrie, seit
er zum »größten Star aller Zeiten“ wurde. Was immer das Wesen die-
ses Gewerbes ausmacht — an Michael Jackson muß es sich in che-
misch reiner Form darstellen, an wem sonst? Sein Name ist sprich-
wörtlich. Er steht für alles, was dem Pessimisten den — wiedermal —
bevorstehenden Untergang des Abendlands anzeigt. Er ist nicht nur
der Held der einen, er ist auch der Antiheld der andern.

Denn die Unterhaltungsindustrie ist ihrerseits der Inbegriff des Me-
dienzeitalters. Früher war sie eine kulturelle Randerscheinung, über
die man hinwegsehen durfte. Inzwischen ist sie für unsere Zivi-
lisation so typisch wie gestern noch das Automobil. Zu übersehen ist
sie jedenfalls nicht mehr. Und seither erst konnte es einen „größten
Star aller Zeiten“ überhaupt geben! Das Idol der einen und ein Greu-
el den andern, repräsentiert er zwiefach seine Zeit so treffend wie
kein Künstler vor ihm. Es ist aber auch das erste Mal, daß eine Zeit
ihren treffendsten Ausdruck in einem Künstler fand und nicht in
einem Machthaber.

Danach sei diese Kunst aber auch, murren die Speier und Spötter.
Die Popmusik markiert jedoch nicht schon darum den Niedergang
der Kultur, weil sie eine Kunst für die Massen ist. Eher ist es ein Ver-
dienst der »mediatischen“ Gesellschaft, wenn Kunst für das Leben
der Massen heute eben so viel Bedeutung hat wie ihr täglich’ Brot.
Und daß die Massenwirkung der Unterhaltungskunst stets auf Kosten
ihres ästhetischen Niveaus ginge, ist eine Legende. Immerhin waren
bisher ihre erfolgreichsten Stars — Elvis Presley, die Beatles und
Michael Jackson — auch ihre größten Künstler. Freilich mußten jene
erst von der Bühne abtreten, eh auch die Gebildeten das zugeben und

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sie zu Klassikern weihen durften. Michael Jacksons Karriere dauert 
 dagegen schon drei Jahrzehnte und es sieht nicht so aus, als wolle er 
aufhören. Diesmal reicht sie auch wirklich bis in den letzten Winkel
des Erdballs; nach Dauer und Ausmaß ist er gleichermaßen der größ-
te, den es je gab. Und ist nicht das Starsystem das charakteristische
Merkmal unserer Mediengesellschaft?! Sei’s im Guten, sei’s im
Schlechten - Michael Jackson verkörpert den Genius einer Epoche.
Darum wurde er sprichwörtlich.

Was aber macht einen zum Star? »Alles nur Schein“, sagen die
Gebildeten. In der Mediengesellschaft käme es bloß noch auf die Ver- 
packung und nicht mehr auf den Inhalt an. Nur warum schafft es dann
der eine, aber nicht der andere? Den Mythos von der »selbstreferen-
tiellen“ Allgewalt der Medien hat kein anderer als eben Michael  
Jackson gebrochen. Könnten sie die Stars aus dem Ärmel ziehen - sie
hätten ihn während des Weltskandals der Jahre 93/94 zur Strecke 
gebracht. Gewollt haben sie es, aber es ist ihnen nicht gelungen. Er 
war stärker als sie, irgend etwas "Echtes“ muß wohl schon an ihm sein.

Über keinen zuvor ist soviel gesagt und geschrieben worden. Und
doch ist dieses Buch das erste - nicht nur in deutscher Sprache -, das
dem Phänomen Michael Jackson als Ganzem nachspürt. Es ist natür-
lich ein Lebensbericht: die Geschichte von dem kleinen Michael aus
Gary, Indiana, der mit fünf Jahren zum erstenmal auf die Bühne stieg,
um seither sein ganzes Leben dort zuzubringen. Ein Philosoph mein-
te einmal, wenn man das Normale verstehen will, müsse man nach
einer begründeten Ausnahme suchen. Die Geschichte, die wir hier
erzählen, ist ein Abenteuerroman, ein wahrer; und gerade weil er so
ganz aus dem Rahmen fällt, sagt er uns mehr darüber, »wie der
Mensch lebt“, als tausend Normalbiographien.

Im besonderen lehrt er uns aber, was ein Künstler ist. »Vom wirk-
lichen Genuß des Lebens kenne ich gar nichts. Für mich ist der Ge-
nuß des Lebens und der Liebe nur ein Gegenstand der Einbildungs-
kraft, nicht der Erfahrung. So mußte mir das Herz in das Hirn treten —
und mein Leben nur noch ein künstliches werden. Nur noch als
Künstler kann ich leben, in ihm ist mein ganzer Mensch aufge-
gangen.“ Diese Sätze könnten als Motto der Lebenserzählung von
Michael Jackson voranstehen, obgleich er sich dagegen verwahren
dürfte. Sie stammen auch nicht von ihm, sondern von Richard

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Wagner, mit dem dieser Künstler, was die Bedeutung für seine Zeit
anlangt, mehr gemein hat, als unsere Schulmeister sich träumen las-
sen.

Damit wird dieser Roman zugleich zu einer kleinen Geschichte
und Ästhetik der Unterhaltungsmusik. Und gar zu einem Traktat vom
»Wesen der Kunst“! Denn im Siegeszug des Showbusineß wird wie-
der sichtbar, was in dem jetzt zu Ende gehenden industriellen Zeital—
ter verschleiert war: Kunst ist Schein. Aber der Schein ist selber Teil
des Wirklichen und nicht sein Gegensatz. Die alten Griechen wußten
das: Das Wort Kosmetik stammt von Kosmos!

Allerdings ist Kunst das Gegenteil von Arbeit. Nur verliert dieser
Gegensatz immer mehr an Schärfe, weil die Arbeit schwindet. Es läßt
sich nicht mehr, wie einst, klar scheiden, welche Tätigkeit nützlich
und welche nur schön, aber überflüssig ist; wo das Notwendige auf-
hört und der Luxus anfängt. Früher lag die Kunst jenseits der Indu-
strie und verhielt sich zur Arbeit wie das Salz zur Suppe. Heute ist die
Kunst selber Industrie, der Künstler ein Großindustrieller; nicht mehr
nur Salz, sondern selber die Suppe.

So wird denn aus der Biographie von Michael Jackson schließlich
eine Nachlese zum scheidenden Jahrtausend, aber auch ein Vorwort
zum kommenden.


Jochen Ebmeier
München, den 27. 6. 1999

Schlusskapitel: Der erste Künstler des einundzwanzigsten Jahrhunderts.


Je begreificher uns das Universum wird,
umso sinnloser erscheint es auch.
Steven Weinberg [Nobelpreis 1979]

Der Endzweck der Künste hingegen ist Vergnügen, und das
Vergnügen ist entbehrlich.
Lessing

Nicht Frevelmut, sondern der immer neu
erwachende Spieltrieb ruft andere
Welten ins Leben.
Nietzsche


Nie zuvor haben Kunst überhaupt und namentlich die Musik im Da-
sein der Menschen so viel Raum eingenommen wie heute. Sie hören
auf , eine besondere gesellschaftliche „Institution“ neben soundso
vielen anderen zu bilden, und neigen dazu, sich im Alltagsleben zu
zerstreuen — wenn auch als dessen Juckpulver.

Das läßt sich sogar messen — an dem verläßlichsten Maßstab,
den die biirgerliche Gesellschaft erfunden hat, am Geld. Die Unter-
haltungsindustrie und all die Branchen, die ihr zuarbeiten, sind längst
im Begriff, der Automobilindustrie den Rang abzulaufen. So richtig
„notwendig“ ist die durchgangige Motorisierung der westlichen Welt
übrigens auch schon nicht mehr gewesen: Der Wunsch nach Mobi-
lität ist eher ein mentales Bedürfnis. Wir leben offenbar schon nicht
mehr in einer Welt, wo der Kampf ums nackte Dasein das allbeherr-
schende Lebensthema ist. Nicht die Notdurft, sondern das Überflüs-
sige wird zur Triebkraft der Entwicklung. Das trifft wohlbemerkt
nicht nur auf die reichen Länder der Erde zu: Die Niedriglohnländer
Asiens entwickeln sich heute mittels der Unterhaltungselektronik
und nicht mehr dank billiger Textilien.
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Wie immer man die Erzeugnisse der Vergnügungsindustrie ge-
schmacklich beurteilt: Daß es sie gibt, bezeichnet eine zuvor uner-
reichte Höhe der Kultur. Der wahre Reichtum sei „der Reichtum an
Bedürfnissen“, schrieb der Nationalökonom Karl Marx.

So gesehen, war der bedeutendste Kunstler des zwanzigsten Jahr-
hunderts — Charly Chaplin. Nicht: der „größte“ Künstler. Das wäre
ein Geschmacksurteil und ließe sich nicht objektivieren. Die Auswir-
kungen von Richard Wagners Musik dauern bis heute. Man muß ihn
ja nicht mögen, doch der einflußreichste Künstler des neunzehnten
Jahrhunderts war er. Durch seine Wirkung ist Charly Chaplin der
bedeutendste Künstler des zwanzigsten. Durch ihn ist das Kino zur
großen Industrie geworden. Durch ihn ist das Filmemachen aber auch
zur Kunst geworden. (Erinnern wir uns übrigens der Rolle, die Kin-
der dabei gespielt haben.) Wenn Kunst, wenn Musik heute alle
erreicht, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, dann verdanken wir
das den Performing arts. Die sind ein Kind der Unterhaltungs-
industrie. Und die verdanken wir wiederum dem Kino.

Michael Jackson ist der erste Künstler des einundzwanzigsten
Jahrhunderts. Die Figur des Jacko steht an der Schwelle zum neuen
Jahrtausend. Es ist zugleich der Übergang auf eine neue Stufe der
Zivilisation. Leitartikler und Feuilletonisten haben vom „Ende der
Arbeitsgesellschaft“ gesprochen, und das Wort macht seither die
Runde. Aber was es eigentlich bedeutet, wurde noch wenig bedacht.

Arbeit unterscheidet sich von anderen menschlichen Tätigkeiten
darin, daß ihr Ausgang vorhergesehen ist. Fleißig ist auch die Biene.
Was aber den schlechtesten menschlichen Baumeister vor der besten
Biene auszeichnet: Er hat sein Haus schon in seinem Kopf errichtet,
bevor er es mit den Händen baut. Den Zweck seiner Arbeit hat er vor-
ausgesetzt: als „Bedürfnis“. Und was es werden soll, bestimmt darü-
ber, wie er es machen muß — nämlich zweckmäßig.

Planvolle Tätigkeit zwecks Bedürfnisbefriedigung, das ist die be-
herrschende Lebenspraxis in einer Welt, wo das Dasein vom Mangel
geprägt ist. Wo das ganze Leben von der Sorge, von der Vorsorge fiir
den kommenden Tag eingestimmt wird. — Aber ist das nicht die
condition humaine, die Grundbefindlichkeit unserer Existenz?
Keineswegs. Eine Million Jahre lang haben unsere steinzeitlichen
Vorfahren in einem ökologischen Gleichgewicht mit ihrer Umwelt
zugebracht. Sie waren Jäger und Sammler, die Anzahl der Menschen
war begrenzt durch das vorhandene Angebot an Lebensmitteln. War
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ein Landstrich abgeweidet, zog man weiter — aus einer Nische in die
andere. Manchmal geschah eine Katastrophe, bei der eine ganze Po-
pulation zugrunde gehen mochte. Aber die war unvorhersehbar, man
konnte nicht vorsorgen. Wie denn auch? Viel Vorrat konnten sie auf
ihren Wanderungen nicht tragen — und wie sollten sie ihn haltbar
machen? Gelegentliche Überschüsse mußten vergeudet werden —
im Fest. Der Überfluß war ebenso unvorhersehbar wie die Not. Denn
beide waren Ausnahmen, die die Regel bestätigten: das ökologische
Gleichgewicht. Unsere Vorfahren lebten nicht stets am Rande des
Untergangs. Sonst hätten sie sich nicht von Ostafrika aus über die
ganze Welt verbreiten konnen. Und schon gar nicht hätten sie die
Muße gehabt, uns jene prachtvollen Zeugnisse ihres künstlerischen
Genies zu hinterlassen, die wir in den Höhlen von Lascaux und Alta-
mira bewundern.

Bleiben oder wandern, das war die einzige Alternative. Mehr gab
es nicht vorherzusehen. Mit dem Übergang zum Getreidebau und der
Seßhaftigkeit änderte sich das. Das war die sogenannte „neolithische
Revolution“, sie begann vor etwa zehntausend Jahren bei Jericho im
Tal des Jordan. Von nun an gab es einen regelmäßigen Überschuß —
auf den man und mit dem man rechnen konnte. Nun konnte man vor-
sorgen.

Paradoxerweise wurde damit der Mangel zum Leitmotiv des ge-
sellschaftlichen Daseins. Denn jener Überschuß, das Korn, ließ sich
anhäufen — als Vorrat für schlechte Jahre, aber auch als Tauschmit-
tel für Güter, die man nicht selber herstellen konnte und auf die man
vorher verzichten mußte. Es entsteht ein Reichtum, der akkumulier-
bar ist. Mit der Entwicklung der neuen Bedürfnisse entsteht auch der
Streit darüber, was „notwendig“ ist und was „Luxus“. Der Reichtum
der einen schafft die Armut der anderen. Es entstehen eine „pber-
schüssige“ Bevölkerung, das Massenelend und — der Klassen-
kampf.

Doch was gestern noch Luxus war, ist heute schon notwendig —
und auf einmal gibt’s nie genug! Mangel wird zum beherrschenden
Daseinserlebnis. Und Arbeit ist das universelle Mittel, ihn zu behe-
ben. Was eine Sache wert ist, mißt sich daran, wieviel Arbeit nötig ist,
um sie zu beschaffen. An diesem Maßstab kann alles miteinander
verglichen und folglich — gegeneinander getauscht werden. Es ent-
steht die Marktwirtschaft, als die entfaltete Form der Arbeitsgesell-
schaft; und die industrielle Revolution in ihrer Eolge. Arbeit heißt
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seither vor allem: Lohnarbeit, und sie ist ein furchtbares Joch. Öko-
nomie heißt Ersparung von Arbeit, und Freiheit heißt Freizeit. Das
Ideal der Menschen, aber auch die reale Tendenz der Technik ist eine
Produktionsweise, wo die Arbeit der Menschen von Maschinen über.
nommen wird. Wo also der Mensch nur noch das Was angibt und das
Wie den Automaten überläßt. Die Vollendung der Arbeitsgesellschaft
wäre dann freilich auch ihr Ende.

Die Arbeit hat unser Bild von der Wirklichkeit von Grund auf neu
geprägt. Sie hat die „Normalbiographie“ erfunden. Ihretwegen wol-
len wir die Welt vorhersehbar machen. Denn nur wer glaubt, durch
Arbeit Vorsorge treffen zu konnen, muß auch vorhersehen wollen.
Die positiven Wissenschaften, denen die Idee von der Machbarkeit
der Welt zugrunde liegt, sind Kinder der Arbeit. Und umgekehrt: Was
keinem ersichtlichen Zweck dient, ist auch nicht ganz „wirklich“.
Die Arbeit hat alle menschlichen Verhältnisse überwuchert. Zum
Beispiel die Stellung der Generationen zueinander. Daß Knaben
keine Männer und daß Mädchen keine Frauen sind — das hat man
wohl immer gewußt. Aber auf die Idee, die ganze Menschheit in zwei
geschlechtslose Lager, in „Kinder“ und „Erwachsene“ zu scheiden
— darauf kam erst die bürgerliche Gesellschaft. (Vorher gab es dafür
nicht einmal das passende Wort: Kinder waren Söhne und Töchter,
egal wie alt.) Ein vollgültiger Bürger ist nämlich erst der „Arbeiter“:
einer, der „Werte schafft“, der planvolle Tätigkeit zwecks Bedürfnis-
befriedigung verrichtet; Kinder also nicht. Zunächst wurde nur der
Nachwuchs der herrschenden Klassen zu „Kindern“ gemacht; der
Nachwuchs der Armen durfte ruhig arbeiten. Aber mit fortschreiten-
der Industrialisierung wurde die Arbeit nicht nur schwer, sondern
auch kompliziert. Es bedurfte einer langen Vorbereitung. Seither ist
jeder, der „noch zu klein“ ist, ein Kind.

Das ist ein minderer Status, ein Mangelzustand. Aber er hat auch
sein Privileg: Das Kind darf das, was sich der Erwachsene versagen
muß; es darf spielen. Spiel ist eine Tätigkeit, deren Ausgang offen ist.
Bei der man erst sieht, was es werden sollte, wenn es schon etwas ge-
worden ist. Das Kind darf noch in einer unvorhersehbaren Welt leben.
Wissenschaft und Sport haben etwas von diesem Spielcharakter, sie
leben vom offenen Ausgang. Aber man kann sie auch als Vorberei-
tung zur Arbeit rechtfertigen. Nicht so die Kunst. Sie ist das schlecht-
hin überflüssiger Luxus. Das, was man sich leistet, wenn alle Arbeit
getan ist. Wenn die Bedürfnisse, die durch zweckmäßige Tätigkeit
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versorgt werden konnen, erledigt sind. Die Welt des Künstlers ist, wie
die der Kinder, unvorhersehbar. Sosehr er sich müht und plagt: Der
Künstler ist der Anti-Arbeiter, und das hat er mit den Kindern
gemein. „Ein Bauen und ZerstÖren in ewig gleicher Unschuld hat in
dieser Welt einzig das Spiel des KÜnstlers und des Kindes“, heißt es
bei Friedrich Nietzsche.

So weit, daB uns die Maschinen alle Arbeit abnehmen, sind wir
noch nicht. Aber schon gilt die Hauptsorge nicht mehr den Gütern,
die durch Arbeit produziert werden können. Daran herrscht kein
Mangel, sondern Überfluß. Knapp sind inzwischen Dinge, die nicht
wiederhergestellt werden können. An denen muß gespart werden,
nicht an Arbeit. Luft und Wasser brauchen beispielsweise nicht ge-
kauft zu werden, weil sie nicht durch Arbeit produziert wurden. Wer-
den sie knapp, dann kann sie nicht der Markt verteuem, sondern nur
— die Politik. Sobald das regelmäßig geschieht, ist der Punkt erreicht,
wo Arbeit nicht länger „Maß und Substanz des Wertes“ ist. Sie wird
immer ÜberflÜssiger in der Produktion, aber immer notwendiger bei
der Entsorgung ihrer AbfÄlle.

Und schon ist nicht mehr die Vorsorge, die Sicherung des Über-
lebens die Haupttriebkraft des Wirtschaftsgeschehens, sondern die
Suche nach der „Lebensqualität“; der Luxus. Sein Urtyp ist die
Unterhaltungsindustrie. Als Industrie ist sie noch Arbeit, aber sie ist
auch schon Kunst.

Die gegenwanige Zivilisation ist charakterisiert durch eine galop-
pierende Entwenung der Arbeit bei gleichzeitiger Aufwertung des
Spiels. Ja, spielerische Momente Finden inzwischen Eingang in den
Arbeitsproze? selbst. Auch in der Industrieproduktion wird das „Er-
Finden“ zusehends wichtiger — auf Kosten der vom Bedürfnis (alias
Nachfrage) vorgegebenen Zwecke. Von der Informatik ganz zu
Schweigen… 

Dem entspricht eine schleichende Entwertung der Erwachsenheit.
Wenn Arbeitsfähigkeit nicht länger das auszeichnende Merkmal des
vollgültigen Bürgers ist, wenn das Spielen jetzt selber produktiv
wird, dann verblaßt und „veraltet2 das Bild des Erwachsenen. Zu-
gleich erleben wir einen Vormarsch des Kindlichen. Kiddie Kulture
ist ein Marktfaktor; da geht’s um Milliarden - echte „Werte“! Und
Michael Jackson war der Schrittmacher. Darum war sein „Fall“ so
symptornatisch: Daß unser Zeitgeist das Kind zu einem sexuellen Fe-
tisch umgedeutet hat, zeigt auch, wie bedrohlich es empfunden wird.
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Bierernste Krämer, die um ihre Wichtigkeit bangen, beklagen die
fortschreitende „Infantilisierung unserer Kultur“. Infantil ist nur das
verzogene Kind, und bleibt es bis ins Alter. Die Infantilisierung der
Gesellschaft ist eine Folge ihrer Pädagogisierung. Sie geht nicht aufs
Konto der Kinder, sondern auf das der (gar nicht mehr so) Erwachse—
nen. Ihren reinsten Ausdruck tindet sie in dem populären Lamento:
I can’t get no satisfaction! Es ist die Welt der ewig pubertierenden
Rock-Opas. In der Welt von Kiddie Kulture heißt es aber: Billie Jean
is not my lover und es wird unterstrichen durch den berüchtigten
Jacko-Griff.

Ob nun — nach Adam Smith — die Arbeit oder — nach Johan
Huizinga — das Spiel der Urquell der Kultur war, ist ein Streit um
Kaisers Bart. Er läßt sich dialektisch lösen: Die Notdurft war die
Triebkraft, der Luxus war das Zugpferd. Auf jeden Fall war es der
Überfluß, der die Entwicklung in Gang brachte.

Entscheidend ist aber nicht, wie es angefangen hat, sondem wo-
rauf es hinausläuft. Friedrich Schiller vertrat die Ansicht, der Mensch
sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Er war ein Künstler. Unter
den Kulturpessimisten, die den Abbau des Erwachsenseins fürchten,
sind auffällig viele Pädagogen. Kein Wunder. Sie sorgen sich um ihr
Brot. Doch so konservative Geister wie der Kultursoziologe Amold
Gehlen und der Verhaltensbiologe Konrad Lorenz hielten das Kind-
liche für die eigentliche Bestimmung des Menschen. Sie vertraten die
in der Wissenschaft als „Neotenie-Hypothese“ bekannte Auffassung,
wonach sich die biologische Gattungsgeschichte der Menschen da-
durch auszeichnet, daß wir im Lauf der Generationen immer weiter
zu Gestaltformen „zurück“kehren, die im Tierreich spezifisch kind-
lich sind. Die auffälligsten (aber nicht einzigen) Kennzeichen dieser
„ewigen Unreife des Menschen“, wie es der polnisch-amerikanische
Philosoph Leszek Kolakowski ausdrückt, sind die relative Übergröße
des Kopfes, der Verlust des Haarkleides und die Überlänge der Glied-
maßen bei einem verkürzten Rumpf. Doch wäre das Morphologische
alles — es ware nur eine naturgeschichtliche Kuriosität ohne tiefere
Bedeutung. Ihren Sinn erhält die Kindlichkeit unserer Körperformen
aber durch die spezifisch menschliche Zugewandtheit zur Welt: unse-
re Neugier. „Nur der Mensch behäilt — neben den körperlichen
Merkmalen der Jugendlichkeit — auch die kindliche Neugier bis ins
hohe Alter. Unsere permanente Wißbegier ist ein persistierendes
Jugendmerkmal, unser exploratives Forschen ist dem Spiel des Kin-
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Verwandt“, schreibt Konrad Lorenz. „Dieses Kind im Manne ist
echter Lausbub. In der Brust des normalen Erwachsenen leben
zwei Seelen, eine, die den althergebrachten Traditionen treu ist, und
eben die Seele des Revolutionärs.“ Oder die Seele des Arbeiters,
daneben die Seele des Spielers. Der Arbeiter ist darauf aus, die
Welt vorherzusehen, um sie sich anzuähneln. Die Welt als Vorrats-
lager unserer Bedürfnisse ist aber eine enge Vorstellung, gemessen an
der Welt als einem sich stets emeuernden Rätsel: Das Spiel ist die
tätigte Freude am immer wieder Fremden. Es ist die mensch-
nere unserer beiden Seelen. Ja, es ist diejenige Praxis, durch die
wir unsere Umweltnische zu einer „Welt“ überhaupt erst weiten.
jedem Spiel ist Abenteuer, und das heißt Gefahr. Das ist übrigens
auch, was menschlichen Eros von animalischem Sexus unterscheidet.
Safer love gibt’s nicht. Die Liebe ist gefährlich, nicht der Sex. Ach,
und wieder sind wir bei Michael Jackson. Er möchte sich eine Liebe
ohne Gefahr erhofft haben und ware fast darin umgekommen. Wie
um uns zu zeigen, daß er auch in diesen Dingen „noch ein richtiges
Kind“ ist.

Wie keiner vor ihm verkörpert er — als Hexer Jacko und als klei-
er Michael - jene andere Seele in der Brust des „normalen Er-
wachsenen“, deren der sich zu schämen ein halbes Leben lang geübt
hat. Er ist der „Knabe Mensch“, wie es im Mann ohne Eigenschaften
heißt. Daß ihm die Kinder zujubelten, war nicht anders zu erwarten:
Er befestigt ihre Stellung in der Welt. Doch auch so manchen Großen
bringt er auf dumme Gedanken. Ist der Ewige Knabe nicht etwa the
man in my mirror? Die aber, die am allergischsten auf ihn reagieren,
sind womöglich dieselben, die sich seiner Verlockung am wenigsten
gewachsen fühlen. Wahrend der  agd auf Michael Jackson bemerkte
man eine Heftigkeit, die der Freudianer unschwer als „Abwehrreak-
tion“ identifiziert. Er ist verführerisch wie der Teufel.

Was ihn über den (vergleichsweise engen) Rahmen der Unterhal-
tungsindustrie hinaushebt und zum Zivilisationsphänomen von uni-
versaler Tragweite macht: Er verlockt nicht zurück zu einer wehmüti-
gen Erinnerung an eine verlorene Zeit, sondern zum kecken Vorgriff
auf morgen. Sein „Rückzug“ ist eben doch ein Vorstoß. Die Arbeits-
gesellschaft stirbt ab, und mit ihr die Normalbiographie. Auch die
Erfordernis, die Welt vorherzusehen! Sie muß nicht langer mit Wör-
tern ausgemessen und in Begriffen inventarisiert bleiben. Die Reak-
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tionäre, Philister und Pädagogen bejammern wie üblich den Verfall
der Kultur. Die neuen Medien, den Krach, den Sieg der Bilder über
die Begriffe… Eine Bildung, die auf Wörter, und eine Weltan-
schauung, die auf Begriffe baut, taugten dazu, die Welt zu durch-
schauen und zu — verarbeiten. Sie waren die Wegbereiter einer
neuen Kultur, deren Ausgang demnächst aber wieder offen ist. Nach-
dem sich das „Mängelwesen“ Mensch in der postmodernen Über-
flußgesellschaft in Sicherheit gebracht hat, fällt es ihm nun wie
Schuppen von den Augen: Wenn die Arbeit getan und mein Bedürf-
nis befriedigt ist, dann bleibt die Welt immer noch so fremd wie
zuvor. (Übrigens erscheint so auch die biologische Überalterung des
zivilisierten Menschen, seine „zweite Kindheit“, in einem anderen
Licht.) Nicht die Arbeit macht uns weiser, sondem die Kunst. Nicht
die Angleichung der Stoffe an die Bedürfnisse, sondern, nach Theo-
dor Adorno. „das vom Anderen Angerührtsein“. Nachdem die Arbeit
Ordnung ins Chaos gebracht hat, ist die „Aufgabe der Kunst heute,
Chaos in die Ordnung zu bringen“.

Das „Herz des Genies“, sagt Jean Paul,ist eine „neue Welt- oder
Lebensanschauung“. Michael Jackson teilt uns die seine nicht in
Wörtern, sondern in bewegten Bildem mit. Im Bildroman eines
künstlerischen Lebens. Daß ihm dabei manches „unbewußt“ unter-
läuft, bewahrt erst seine Echtheit. Das Leben lasse sich nur ästhetisch
rechtfertigen, hieß es bei Nietzsche: als Artistik. Noch keiner hat das
so radikal genommen wie Michael Jackson. Er ist ein Romantiker.
Ein Moderner. Er ist der erste Künstler einer neuen Zeit.
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